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Von Kreuz und Halbmond: Das Wappen von Neumarkt und seine Erstverleihung

06.07.2026, 22:00
APBZ, Archivalien Südtiroler Provenienz aus dem Tiroler Landesarchiv, A 610, Gemeindearchiv Neumarkt, n. 13
APBZ, Archivalien Südtiroler Provenienz aus dem Tiroler Landesarchiv, A 610, Gemeindearchiv Neumarkt, n. 13

Die älteste Verleihung eines Gemeindewappens in Südtirol datiert 1385 und betrifft die Stadt Bozen; auf 1353/63 datiert hingegen das älteste Wappensiegel der Stadt Meran, während jenes von Bruneck aus dem Jahr 1356 stammt. In den Beständen des Südtiroler Landesarchivs betrifft die allererste Wappenverleihung ebenfalls ein kommunales und kein adeliges Wappen. Sie besteht aus dem Diplom, mit dem Herzog Albrecht III. von Österreich der Marktgemeinde Neumarkt am 23. Februar 1395 das Recht verlieh, ein Siegel mit dem Wappenschild zu führen, das folgendermaßen blasoniert wird: „Das ist ein rotts Kraewtz in ainem halben weissen Schilt nach der Leng und in dem anderen Tail des Schilts ain halber weisser Man in ainem roten Velde“, das heißt ein gespaltener Schild, vorn in Silber ein rotes Tatzenkreuz, hinten in Rot ein silberner zunehmender Mond (Halbmond mit Gesicht).
Dies bedeutete die Geburtsstunde des Gemeindewappens von Neumarkt, das von der Gemeinschaft sofort verwendet und bereits 1412 – in seiner ersten außerurkundlichen Überlieferung – auf einem der gotischen Gewölbeschlusssteine angebracht wurde, die in jenem Jahr zur Einwölbung des alten romanischen Langhauses der damaligen Markt- bzw. heutigen Pfarrkirche zum Hl. Nikolaus fertiggestellt wurden. In derselben Form ist das Wappen auch an der Fassade des alten Rathauses in der Laubengasse zu sehen, wo es um 1660 zusammen mit dem landesfürstlich-kaiserlichen Wappen freskiert wurde. Sowohl hier als auch in diversen sphragistischen Zeugnissen jener Zeit entspricht das reproduzierte Gemeindewappen exakt der im Privileg von 1395 vorgegebenen Blasonierung. In späterer Zeit wurden die Felder samt ihren Figuren jedoch vertauscht und diese neue Konfigurierung wurde auch in der Wappenbestätigung übernommen, die am 10. August 1967 mit Dekret Nr. 181 des Regionalpräsidenten erwirkt wurde. Deswegen präsentiert sich das Neumarkter Gemeindewappen heute als gespaltener Schild: vorn in Rot ein silberner zunehmender Mond, hinten in Silber ein rotes Tatzenkreuz. Die Erklärung für diese jahrhundertelange Verwechslung der beiden Felder ist unklar, liegt aber vielleicht in der fortan maßgebend gewordenen Übernahme eines seitenverkehrt geschnittenen Siegelstockes.
Das Privileg von 1395 weist eine komplexe Überlieferungsgeschichte auf. Im Jahr 1888 von Emil von Ottenthal und Oswald Redlich im ersten Band der Archiv-Berichte aus Tirol (AB I, Nr. 830) zusammen mit den übrigen Pergamenturkunden des Gemeindearchivs Neumarkt regestiert, wurde das Original 1928 noch vor Ort eingesehen, verschwand jedoch in der Folgezeit und wurde noch 2005 von Franz-Heinz von Hye in seinem Werk Südtiroler Gemeindewappen als verschollen angeführt. Tatsächlich war die Urkunde zwischen 1940 und 1943 im Zuge der allgemeinen „Sicherstellung“ des mittelalterlichen kommunalen Archivguts Neumarkts durch die SS-Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe unter der Ägide von SS-Sturmbannführer Wolfram Sievers entwendet und in das damalige Reichsgauarchiv Innsbruck überführt worden. Im Rahmen des deutsch-italienischen Optionsabkommens wurde den historisch-künstlerischen, ethnografischen und archivarischen Kulturgütern Südtirols erhebliches Gewicht beigemessen. So sah der § 27 der am 21. Oktober 1939 erlassenen Richtlinien für die Auswanderung der Optanten ins Deutsche Reich ausdrücklich vor, nicht nur die Ausfuhr von Artefakten von künstlerischem und volkskundlichen Interesse zu gestatten, sondern auch von Archivbeständen und dokumentarischem Material, die als Zeugnisse der deutschen Identität des Territoriums eingestuft wurden. Zur Umsetzung dieser Vorgaben wurde eine eigene Kulturkommission eingerichtet; im April 1940 folgte die Konstituierung einer spezifischen Gruppe Archive, die die Erfassung, Aushebung und Überführung des Archivmaterials von nationalem Interesse nach Deutschland leiten sollte, wobei deren Direktion einem Dozenten der Universität Innsbruck übertragen wurde, nämlich dem aus Bozen stammenden Historiker Franz Huter.
Unter den sichergestellten und nach Innsbruck verbrachten Beständen befand sich auch der ältere Teil des Gemeindearchivs Neumarkt. Ebendort, im heutigen Tiroler Landesarchiv, verblieb das gesamte Material jahrzehntelang weitgehend unbeachtet und in den originalen Transportumschlägen verpackt. Nach einer ersten kursorischen Bestandsübersicht in der unmittelbaren Nachkriegszeit erfolgte eine eingehende Bestandsaufnahme erst im Jahr 2008; eine detaillierte Inventarisierung wurde 2012 durchgeführt, in welchem Jahr die Gesamtheit der Bestände Südtiroler Provenienz dem Südtiroler Landesarchiv übergeben wurde, woraus sich die heutige Verwahrung dieser Urkunde in den Beständen unseres Archivs erklärt.