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Eine Ära geht zu Ende

01.04.2026, 06:00

Die Beerdigung von Julius Perathoner am 20. April 1926 

Südtiroler Landesarchiv, Sammlung Helene Oberleiter, Nr. 467
Südtiroler Landesarchiv, Sammlung Helene Oberleiter, Nr. 467

Am Dienstag, den 20. April 1926, wurde nachmittags zwischen 5 und 6 Uhr der drei Tage zuvor im Alter von 77 Jahren verstorbene Julius Perathoner feierlich zu Grabe getragen. Tausende Menschen säumten die Straßen und begleiteten den Trauerzug durch die Gassen der Altstadt zum städtischen Friedhof bei der Marienpfarrkirche. 

Hinter dem Sarg schritten neben den drei Söhnen des Verstorbenen zahlreiche Vertreter der Stadt und ranghohe Politiker, etwa die Parlamentsabgeordneten Karl Tinzl und Paul von Sternbach, Vertreter der deutschfreiheitlichen Partei, der Perathoner selbst angehört hatte, und sogar eine Abordnung der Faschistischen Partei. Es folgten Vertreter zahlreicher Vereine, bei denen der Verstorbene entweder selbst Mitglied gewesen war oder die er gefördert hatte, so etwa des Männergesangvereins, der 1925 aufgelösten Bozner Turnvereine, der ebenfalls aufgelösten Freiwilligen Feuerwehren von Bozen, Gries und Zwölfmalgreien, der Zwölfmalgreiner Musikkapelle, des Musikvereins, des Museumsvereins und des Veteranenvereins. Die letzte Ehre erwiesen ihm auch Vertreter der Sparkasse, der Handelskammer, der Etschwerke, der Rittnerbahn und der Straßenbahn, der Advokatenkammer, der Kaufmannschaft, der Lehrer und auch Vertreterinnen der Bozner Frauen, darunter Gräfin Toggenburg und Fürstin Campofranco. Die Exequien zelebrierte Propst Schlechtleitner mit 27 Priestern. 

Diese überwältigende Ehrbezeugung der Bozner Bevölkerung wird verständlich, wenn man sich vor Augen führt, wie tiefgreifend Perathoner die Stadt in seiner 27 Jahre währenden Amtszeit zwischen 1895 und 1922 geprägt und modernisiert hatte: Perathoner förderte die Gründung der Feuerwehr und einer Rettungsgesellschaft, das Schulwesen sowie das kulturelle Leben der Stadt, er setzte sich maßgeblich für die Gründung der Bozner und Meraner Etschwerke zur Einführung der Elektrizität ein, in deren Folge der Bau der Rittnerbahn und einer Straßenbahn in Bozen ermöglicht wurde. Den sichtbarsten Eindruck hinterließen aber Perathoners städtebauliche Maßnahmen durch die Errichtung öffentlicher Gebäude, etwa des neuen Rathauses, der Goethe- und der Elisabethschule (heute Danteschule), des Stadtmuseums, des Stadttheaters, neuer Brücken über Talfer und Eisack oder auch der Wassermauer- und der Oswaldpromenade. Durch die Eingemeindung von Zwölfmalgreien 1911 erweiterte Perathoner das bis dahin hauptsächlich aus dem mittelalterlichen Stadtkern bestehende Areal der Stadt Bozen ganz erheblich. 

Doch die politische Karriere von Bozens letztem deutschsprachigen Bürgermeister, der zeitweise auch Abgeordneter zum Tiroler Landtag und zum Österreichischen Reichsrat gewesen war, endete bitter. Am 3. Oktober 1922 wurden Perathoner und der Bozner Stadtrat infolge des „Marsches auf Bozen“ von den faschistischen Machthabern abgesetzt, damit ein Regierungskommissär die Verwaltung übernehmen konnte. 

Als der Altbürgermeister wenige Jahre darauf verstarb, war allen Teilnehmenden des Leichenbegängnisses bewusst, dass mit dem Tod von Julius Perathoner eine Ära zu Ende ging und die Stadt Bozen dabei war, sich erneut tiefgreifend zu verändern. 

Evi Pechlaner