Die Tiroler – eine „Bedientennation“!
Unter diesem Titel erschien in der Reise- und Fremdenzeitung für Tirol und Vorarlberg vom 10. Juni 1899 ein kritischer Beitrag zur Ablehnung eines Subventionsbeitrages durch den Tiroler Landtag in Innsbruck. Dem Landesverband der vereinigten Cur- Fremdenverkehrsvereine waren in den Jahren 1890 bis 1894 Förderungen in der Höhe von jährlich 1000 Gulden, was heute einem Wert von etwa 17.600,00 Euro entspräche, zugebilligt worden, während sie ihm in den darauffolgenden Jahren 1897 und 1899 verwehrt wurden.
In diesem Artikel führt der Autor als Befürworter des Fremdenverkehrs einige Argumente der Gegner an, um diese gleichzeitig zu widerlegen. So würden laut den Kritikern „mit dieser Art von Reclame“ Leute angezogen und „diese Industrie“ unterstützt, die darauf hinausläuft, „dass man möglichst viele Fremde hereinlockt, um sie schließlich auszubeuten. […] Dazu kommt, dass alles Beste, was wir im Lande haben, nur mehr für die Fremden da ist und der Tiroler hat sich mit dem Minderen, sei es im Wein oder Fleisch, zu begnügen, weil wir durch diese künstliche Erhöhung des Fremdenverkehrs bereits daran sind, eine Art Bedientennation zu werden.“ Zudem – so die Begründung weiter – solle der Landesverband der vereinigten Cur- Fremdenverkehrsvereine nicht mehr unterstützt werden, da er bereits anerkannt sei und über die nötigen Eigenmittel verfüge. Auch würden der Landwirtschaft dadurch Arbeitskräfte entzogen, sowie die Löhne und Ansprüche der Bediensteten in die Höhe getrieben. Es entstehe eine Gleichgültigkeit gegenüber der Religion und die „alte Tiroler Art“ als auch „die Einfachheit der Sitten gehe“ verloren.
Der Autor hält dagegen, dass man den Fremdenverkehr sehr wohl schätzen gelernt habe, die bäuerlichen Erzeugnisse dadurch eine merkliche Steigerung erfahren, mit der Gastfreundschaft aber sicherlich keine Erniedrigung der einheimischen Bevölkerung einhergehe.
Durch besagten Artikel wird deutlich, wie der Tourismus auch schon vor über 100 Jahren mit wachsender Skepsis gesehen wurde.
Kritik und Rechtfertigung des Fremdenverkehrs decken sich weitestgehend mit den heutigen Einschätzungen und beleuchten bereits 1899 „das Janusgesicht des Tourismus“, wie es der Tourismusexperte Hans Heiss in einem Gastkommentar vom 21.11.2024 im online Nachrichtenportal Salto formuliert hat.
Margot Pizzini
